Reiten: wer KANN es wirklich?

Ich möchte hier einen interessanten Artikel aus der equimondi.de veröffentlichen, der zum Nachdenken anregen sollte …
Gutes Reiten

Reiten ist eine Tätigkeit, die zahlreiche Fähigkeiten voraussetzt. Diese müssen Menschen im Laufe vieler Jahre erwerben und trainieren. Dabei geht es nicht nur um körperliche Schwerpunkte. Reiten erfordert ebenso viele mentale bzw. charakterliche Eigenschaften. Wüssten alle Reiter im Vorfeld, was ihnen blüht, wer weiß, ob sie Reiten als Hobby gewählt hätten. Einmal begonnen, ist es allerdings schwer, der Faszination Pferd den Rücken zu kehren. Wer sich mit dem Virus „Reiten und Pferd“ infiziert hat, der bleibt oft ein Leben lang dabei … trotz oder sogar wegen aller Schwierigkeiten.

Kannst Du gut reiten?

Diese Frage begegnet uns immer wieder. Oft wird sie uns von Anderen gestellt. Aber noch öfter stellen wir sie uns selber. Kritisch das eigene Können reflektieren ist gut. Aber wie lautet eigentlich die Antwort auf die Frage:

Wie gut beherrschen wir die Reitkunst? Was bedeutet das überhaupt?

Gutes Reiten bedeutet jedenfalls nicht, sich irgendwie auf einem bockenden Pferd halten zu können. Dieses Klischee gehört in die Kirmesecke, wo das Rodeo auf einem Spielzeugbullen stattfindet.

Reiten im Einklang mit der Natur

Aus gesundheitserhaltender Pflicht heraus kann es auch keinen guten Reiter geben, wenn dieser sein Pferd ungymnastiziert und nach des Pferdes freier Körperhaltung unter sich laufen lässt. Ob er dies aus dem Glauben heraus entscheidet, dem Pferd damit der Natur entsprechend was Gutes zu tun oder aus dem Wunsch heraus, es sich so einfach wie möglich zu machen, um sein Hobby genießen zu können, ist dabei unerheblich. Im ersteren Fall sollte der Reiter lieber der Natur entsprechend auf dem Boden bleiben und im zweiten Fall vielleicht ein elektrisches Fahrrad kaufen. Natürlich wenig Material, wie oft propagiert, zwischen sich und dem Pferd versüßt zwar die Rückenschmerzen des tierischen Partners, beheben sie aber nicht. Gutes Reiten muss anders aussehen.

Turniere als Bestätigung zum Guten Reiten

Können Schleifchensammler gut Reiten? Das sollte man meinen. Gewonnene Schleifchen und Titel weisen doch auf eine außergewöhnliche Leistung hin. Jemand war besser, als viele andere. Wenn sie nicht gut reiten können, wer dann? Sind eingetrichterte und auf Bedarf abgespielte Lektionen wirklich der Sinn des „Gut Reiten Könnens“? Je spektakulärer die Lektionen gestrampelt werden, umso mehr wird der Reiter bejubelt?!

Egal, wie das Pferd dahingezogen und gestochen wird. Egal, ob es grottenfest, gedemütigt und verzweifelt oder bereits resigniert mechanisch einfach auf Knopfdruck funktioniert. Sporenstich links in die Rippe: Traversale. Sporenstich in beide Rippen bei angezogener Kandare: Piaffe. Leider belegen die Reiter damit sehr oft die vorderen Plätze. Ihre Bestätigung dafür, dass sie auf dem richtigen Weg sind, gut Reiten zu können.

Ein fataler Irrglaube vor allem für die Pferde und für viele zukünftige Reitergenerationen.

Gutes Reiten: Was bleibt übrig?

Gutes Reiten

Aus Reiten Kunst werden zu lassen gelingt jenem Reiter, welcher es schafft, dass sein Pferd sich unter ihm wohl fühlt. Nicht resigniert so aussieht, als ob ihn das alles nichts mehr angeht. Nicht beim kleinsten Fehler oder Unachtsamkeit des Reiterssich der Aufgabe entzieht. Oder gelernt hat, Unwillen nur noch im Augenausdruck und Schweifschlagen auszudrücken, weil die Industrie noch nichts gefunden hat, um dem Einhalt zu gebieten.

Wenn das Pferd keine Schmerzen hat, trotz zusätzlicher Last ausbalanciert und sicher seine Gänge entfalten kann und alle Lektionen harmonisch zeigen möchte, wenn der Reiter  ein stets willkommener Gast auf dem Pferderücken ist, dann können wir über Gutes Reiten sprechen .

Nicht der Reiter zwingt dem Pferd seinen Willen auf. Der Mensch arbeitet an seinen charakterlichen und körperlichen Eigenschaften, bis er das Pferd gewonnen hat. Er koordiniert seine Körperbewegungen, verbessert seine Balance, trainiert seine Körperwahrnehmung und lässt sich auf die Energie und die Bewegungen des Pferdes ein. Er lernt, Wünsche zu äußern, ohne seine Macht, die ihm die Industrie mit auf den Weg gibt, über das Pferd auszuspielen.

Ein guter Reiter entledigt sich der schmerzenden Hilfsmittel wie Gerte, Sporen und Kandare, wenn er der ReitKUNST immer näher kommt. Warum sollte er auch Sporen und Kandare brauchen, je mehr er doch „kann“? Je mehr der Reiter lernt, die winzigen Signale des Pferdes zu hören und ihm auf selber Ebene zu antworten, warum nun auf einmal Kandare und Sporen? Ein Widerspruch in sich? Galoppiert das Pferd die Pirouette nicht ohne Sporen und Kandare, ist es dann noch Kunst? Oder doch eher  ein Armutszeugnis für den Reiter?

Wer kann nun wirklich gut reiten?

Aus Respekt vor dem Pferd und Demut vor seinen eigenen menschlichen Schwächen, wird man den wissenden Reiter  niemals sagen hören: Ich kann gut reiten. Er wird sich und anderen antworten:

„Je mehr ich lerne, desto mehr erkenne ich, was ich noch nicht kann.“

Gutes Reiten

Bekannterweise reicht ein Menschenleben nicht aus, um perfekt Reiten zu können. Aber der ein oder andere wird eine Vorstellung von dem bekommen, was es tatsächlich bedeutet, gut zu reiten.

Es sollte nicht darum gehen, viele und hohe Lektionenreiten zu Können. Es sollte immer nur darum gehen, DAS was man reiten kann, im Einklang zur Anatomie, Biomechanik und Psyche des Pferdes zu erreichen.

von Diana Zarrouk
13. August 2014
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